Hallo ihr Lieben!
Eine Frage, die mir im Internet schon ziemlich oft begegnet ist (vielleicht ist sie sogar die am häufigsten gestellte Frage überhaupt, wenn es um das Thema Bisexualität geht?), ist folgende: Ich bin bi - wie oute ich mich am besten? Oder: Ich bin bi, muss ich mich jetzt outen?
Da die Frage nach dem Outing für viele von großer Bedeutung zu sein scheint, möchte ich mich ihr heute einmal ganz intensiv widmen und meine ganz persönliche Sicht auf die Dinge schildern.
Muss ich mich outen?
Um eines zu Beginn ganz klar und deutlich zu machen, niemand ist verpflichtet, sein Umfeld über die eigene sexuelle Orientierung zu informieren. Eure Sexualität geht ausschließlich euch selbst etwas an und ihr allein entscheidet darüber, ob ihr etwas und wenn ja wie viel ihr darüber preisgeben wollt. Wenn ihr für euch entschieden habt, dass ihr euch nicht outen wollt oder müsst, dann ist das absolut okay. Denn niemand kann euch dazu zwingen.
Einige (und das sind nicht einmal wenige) sind der Meinung, dass eigentlich in einer idealen Gesellschaft gar kein Grund für ein Outing bestehen müsste - immerhin stellen sich Heterosexuelle ja auch nicht hin und teilen mit: "Ach übrigens, ich bin hetero!"
Für viele ist es jedoch ein großes Bedürfnis, dass zumindest die Familie und der engste Freundeskreis früher oder später in ihr großes "Geheimnis Bisexualität" eingeweiht werden. Ein Geheimnis mit sich herumtragen zu müssen, ist nämlich nicht immer leicht und oft gelangt man an einen Punkt, an dem das Geheimnis einen innerlich zerfressen will und man das Gefühl bekommt, man würde förmlich zerplatzen, wenn man sich nicht endlich einer Person anvertraut.
Meiner Ansicht nach stecken vor allem zwei Motive dahinter, warum man sich outen möchte.
Zum einen, weil viele endlich zu sich selbst stehen, sich nicht länger verstellen müssen wollen. Ein typisches Beispiel, das viele von euch sicher so oder so ähnlich kennen, ist, wenn ein Verwandter mal wieder fragt: "Wann stellst du uns denn endlich mal eine Freundin vor?" und man am liebsten genervt entgegnen würde: "Ach, eigentlich könnte es ja auch mal ein Freund werden" und man am Ende doch diesen Satz nur heimlich denkt, um die heterosexuelle Fassade (noch) nicht bröckeln zu lassen. Ein Outing kann in diesem Fall ein echter Befreiungsschlag sein.
Ein zweiter Grund kann sein, dass man es satt hat, sich nicht mehr verstecken zu müssen. Stellt euch einmal vor, ihr seid seit kurzem in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Für heterosexuelle Paare ist es ganz selbstverständlich, in aller Öffentlichkeit verliebt miteinander Händchen zu halten, sich zu küssen und sich gegenseitig zu zeigen, wie sehr man einander schätzt und liebt. Da ist es doch nur logisch, dass auch homosexuelle Paare gerne nach außen zeigen möchten, wie glücklich sie miteinander sind. Viele wollen sich deshalb outen, damit sie ihre Liebe für ihren Partner oder ihre Partnerin genauso selbstverständlich und offen demonstrieren können wie heterosexuelle Paare, denn eine Beziehung auf Dauer (und aus Rücksicht, weil einer in der Beziehung nicht geoutet ist) nur im Verborgenen zu führen, ist nicht nur verdammt schwer, sondern oft sehr belastend. Man stelle sich nur mal vor, die Freundin, die man eigentlich so sehr liebt, ständig daheim nur als "die allerbeste Freundin" ausgeben zu müssen, nur weil man sich nicht traut, zu seiner eigenen Sexualität zu stehen.
Was hast du schon zu verlieren?
Ein Outing kann also erstens befreiend sein und zweitens das Leben enorm vereinfachen. Obwohl es daher objektiv betrachtet nichts zu verlieren gibt, zögern viele und behalten ihre sexuelle Orientierung lieber für sich. Noch einmal: wenn ihr für euch entschieden habt, dass ihr euch lieber nicht outen wollt, dann ist das vollkommen akzeptabel. Denn leider muss auch gesagt werden, nicht immer ist ein (sofortiges) Outing der beste Weg.
Viele machen sich (zu Recht) ernsthaft Sorgen darüber, ob ihr Umfeld auf ein Outing positiv reagieren wird. Oft ist die Angst groß, dass die Freunde sich nach einem Outing zurückziehen werden. Manchen könnte es zum Beispiel unangenehm sein, nach einem Outing mit einer bisexuellen Person zusammen in einer Umkleide zu sein, etwa nach dem Schul- oder Vereinssport, aus Angst, die betreffende Person könne ja auf einen stehen und nun etwas von einem wollen. Das ist natürlich Blödsinn, aber manche Menschen denken so.
Wenn du nach einem Outing von deinen Freunden wegen deiner sexuellen Orientierung angefeindet wirst, dann lass dir gesagt sein, dass deine vermeintlichen Freunde in Wahrheit gar nicht deine Freunde sind. Wahre Freundschaft interessiert sich überhaupt nicht für die sexuelle Orientierung. Merke dir also, nicht du hast ein Problem mit deiner Sexualität, die anderen haben es! In diesem Fall solltest du dir einen neuen Freundeskreis aufbauen.
Manche wachsen (leider) immer noch in sehr strengen und erzkonservativen Familienverhältnissen auf. Nicht alle Eltern sind in Bezug auf Bi- oder Homosexualität tolerant, für einige ist eine von der "Norm" abweichende sexuelle Orientierung ihres Kindes ein ernstes Problem. Wenn du bereits im Voraus weißt, dass deine Eltern ein Problem mit deiner sexuellen Orientierung haben werden, dann solltest du dich zumindest solange nicht outen, bis du selbst mit beiden Beinen fest im Leben stehst. Auch wenn es schwer fällt.
Wenn du unsicher bist, ob dein Umfeld positiv reagieren wird ...
Wenn du dich gerne outen möchtest, aber nicht weißt, wie dein Umfeld -egal ob Freunde oder Familie- darauf reagieren wird, dann kannst du dich zunächst einmal langsam an die Sache herantasten. Versuche zunächst einmal vorzufühlen, was die Person, bei der du dich outen möchtest, über Bi- oder Homosexuelle denkt.
Du kannst es zum Beispiel einmal so probieren: "Im Schulunterricht haben wir heute über die "Ehe für alle gesprochen", was denkst du denn darüber?" Oder: "Hast du dir schon mal vorgestellt, wie es wäre, einen Jungen (wenn du männlich bist)/ein Mädchen (wenn du weiblich bist) zu küssen?" Du wirst dann schon merken, ob dein Gegenüber eher positiv oder eher abweisend reagiert.
Generell muss aber gesagt werden: die meisten machen sich unnötig viel zu viele Gedanken über ihr Outing. Die meisten Eltern sind hauptsächlich daran interessiert, dass ihr Kind glücklich wird, egal ob nun mit einem Mann oder einer Frau.
Das Outing - so war's bei mir
Zum Schluss möchte ich euch gerne noch erzählen, wie mein Outing bei mir ganz persönlich ablief. Oder viel eher immer noch abläuft. Denn so richtig abgeschlossen ist dieser Prozess eigentlich nie, da man zwangsläufig im Leben immer wieder auf neue Menschen treffen wird.
Nachdem ich für mich selbst akzeptiert hatte, dass ich bi bin, hatte ich über viele Jahre hinweg kein Interesse daran, mein Umfeld darüber aufklären zu müssen. Es war nie so, dass ich ein Geheimnis daraus gemacht habe, wenn mich jemand ganz ehrlich danach gefragt hätte, dann hätte ich gewiss nichts verschwiegen. Nur, es hat mich halt nie jemand gefragt und so habe ich das nie großartig thematisiert. Weil meine Sexualität nun einmal erstens nur mich selbst etwas angeht und ich zweitens nicht wollte, dass das an die große Glocke gehängt wird. Denn für mich ist bi zu sein nun einmal nichts besonderes, sondern völlig normal.
Vor gut einem Jahr hat sich meine Einstellung zu diesem Thema aber ein wenig geändert, sodass ich das Gefühl bekam, zumindest mein engeres Umfeld nun doch so langsam über meine Sexualität in Kenntnis zu setzen. Einen konkreten Grund dafür kann ich bis heute nicht wirklich benennen.
Aus diversen Gesprächen wusste ich bereits, dass in meiner Famile vermutlich niemand ein Problem damit haben würde. Meine Mutter meinte irgendwann einmal zu mir, dass es ihr egal wäre, wenn ich irgendwann mal mit einem Freund ankäme. Ich hatte also zumindest schon einmal die Gewissheit, dass mir niemand den Kopf abreißen würde. Bislang habe ich dennoch nur zwei Menschen aus meinem näheren Familien- und Freundeskreis davon erzählt.
Die erste, die ich ins Vertrauen gezogen habe, war meine jüngere Schwester. Es gab nicht so ein typisches Gespräch, das mit "Übrigens, ich muss mal mit dir reden" begann, sondern hat sich sehr spontan ergeben als meine Schwester mich scherzhaft fragte, nachdem wir uns längere Zeit nicht mehr gesehen hatten: "Hast du in letzter Zeit mal was mit einer Frau gehabt?" Kurze Pause, dann fügte sie scherzhaft hinzu: "Oder etwa mit einem Mann?"
In dem Moment beschloss ich, dass das eigentlich die perfekte Gelegenheit sei und antwortete ihr: "Wenn du's genau wissen willst, beides."
Ihre etwas ungläubige Frage: "Bist du bi? Echt jetzt?" bejahte ich und damit war mein erstes Outing über die Bühne gelaufen. Meine Schwester hat echt total lieb reagiert und wie zu erwarten gewesen war kein Problem damit gehabt. Ich habe das Gefühl, dass wir uns seitdem noch ein wenig näher sind und uns noch mehr vertrauen als zuvor und bin wirlkich froh, eine so liebe und tolle Schwester zu haben. Danke dafür!
Die zweite Person, der ich vor wenigen Wochen von meiner Bisexualität erzählte, war meine beste Freundin. Auch hier hat es kein direktes Outing-Gespräch in dem Sinne ergeben, sondern ich habe es beiläufig in einem Gespräch erwähnt. Es ging darum, dass wir Menschen manchmal ziemlich vorschnell beurteilen oder meinen, einen Menschen gut zu kennen. Im konkreten Fall ging es um einen gemeinsamen Bekannten. Auf ihre Bemerkung: "Das hätte ich von ihm aber nicht erwartet" entgegnete ich: "Tja, genauso ungläubig reagierte meine Schwester, als ich ihr erzählte, dass ich bisexuell bin."
Auch meine Freundin reagierte echt lieb und versicherte mir, dass mein Outing zwischen uns nichts ändern würde und sich unsere Beziehung in keiner Weise deswegen verändern würde. Damit war das Thema dann erledigt und ich muss einmal mehr dankbar sein, dass mir ein so wunderbarer Mensch seine Freundschaft geschenkt hat.
Ich habe für mich beschlossen, dass ich in Zukunft weiter so verfahren werde und nicht mit der Tür ins Haus fallen will. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich nach und nach weitere Personen ins Vertrauen ziehen. Ich möchte aber auf keinen Fall um das Thema großen Bahnhof machen. Meiner Meinung nach ist das Leben nämlich viel zu bunt, um nur auf diesen einen Aspekt der sexuellen Orientierung reduziert zu werden und ich möchte nicht, dass der Eindruck entstehen könnte, dass ich mich dadurch als etwas Besonderes hervortun will. Denn eins ist ja mal klar: niemand sucht sich aus, bisexuell zu sein. Man ist es einfach. Und daher ist es eigentlich ein Thema, das man gar nicht groß thematisieren muss. Oder etwa nicht?
Wie sieht es bei euch aus? Welche Meinung habt ihr persönlich zum Thema Outing? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Habt ihr euch selbst geoutet? Wie wurde euer Outing aufgenommen? Oder gibt es jemanden in eurer Familie oder eurem Freundeskreis, der euch von seiner Bisexualität erzählt hat?
Bitte diskutiert fleißig in den Kommentaren!
In diesem Sinne liebe Grüße
Fabian
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