Mittwoch, 15. September 2021

Julia (27): "Es kamen sehr unterschiedliche Reaktionen im positiven Sinne."

Hallo liebe Lesende,
 
heue ist es wieder einmal so weit. Nach viel zu langer Zeit erscheint wieder einmal ein neuer Beitrag von mir. Das heißt, eigentlich ist er gar nicht von mir. Ich habe nämlich wieder einmal mit einer lieben Person sürechen dürfen, die sich für ein Interview bereit erklärt hat. Deshalb steht heute Julia im Mittelpunkt. Julia ist 27 und kommt aus Niedersachsen. Mit ihr habe ich über ihr Outing, über positive und negative Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis und darüber gesprochen, ob Bisexuelle wirklich immer Dreier haben wollen.
 
 
Fabian: Hallo liebe Julia. Toll, dass du uns heute ein paar persönliche Einblicke in dein Leben geben möchtest. Erzähl doch bitte zum Einstieg, wie du gemerkt hast, dass du bisexuell bist.
Julia: Mir ist es eigentlich relativ früh aufgefallen, während der Schulzeit. Mit vierzehn, fünfzehn Jahren hat man sich da schon den einen oder anderen Jungen angesehen. In der Zeit ist mir immer mehr aufgefallen, dass ich genauso vielen Mädchen hinterher gesehen habe wie Jungs. Daraufhin habe ich damals im Internet gesucht, woran das liegen könnte und mir ist schnell klar geworden, dass ich bisexuell bin.

Fabian: In diesem Alter fangen die meisten an, ihre ersten sexuellen Erfahrungen zu machen. Wie fing das denn bei dir an?
Julia: Man übt ja anfangs schon mal das Küssen mit seinen besten Freundinnen. Das war immer ein besonderes Gefühl. So richtig fing es bei mir mit sechzehn an, als wir auf einer Sommerfreizeit waren, in England. Ich wollte damals mit meiner besten Freundin dorthin, aber sie wurde dann krank. Da wir immer zu zweit in Gastfamilien waren, kam ich mit einem Mädchen aus meiner Parallelklasse in eine Gastfamilie. Wir haben uns dort ein Gästezimmer geteilt und am vorletzten Abend hatten wir uns eine Flasche Wein aufgemacht, die sie heimlich mit auf die Freizeit genommen hat und sind uns dann auch näher gekommen und es kam zum ersten Mal mit einer Frau. Das erste Mal mit einem Mann kam etwa ein Jahr später, als ich meinen ersten Freund kennenlernte.

Fabian: Wurde aus dir und deiner Klassenkameradin nach eurem ersten Sex mehr?
Julia: Nein. Es war für beide eine tolle Erfahrung, mit der wir nach Hause gingen. Wir sind uns danach noch oft über den Weg gelaufen und haben miteinander gesprochen, aber darüber fiel kein Wort mehr.

Fabian: Wie bist du mit deiner Bisexualität umgegangen, als du deinen ersten Freund hattest? Hast du ihm erzählt, dass du dein erstes Mal mit einem Mädchen hattest?
Julia: Mein erster Freund hat es nicht erfahren, denn irgendwie war das nie wirklich ein Gesprächsthema. Ich denke auch, dass er es bis heute nicht weiß. In allen anderen Beziehungen bin ich immer offen mit meiner Sexualität umgegangen.

Fabian: Auf welche Weise sind deine Beziehungspartner mit deiner sexuellen Orientierung umgegangen? Wurde das thematisiert? Gab es Befürchtungen oder Vorbehalte?
Julia: Vorbehalte und Befürchtungen gab es gar nicht. Ich habe mit meinen Partnern meine Sexualität offen kommuniziert und es war für niemanden ein Problem. Es wurde eher positiv aufgenommen.

Fabian: Inwiefern positiv?
Julia: Es kamen sehr unterschiedliche Reaktionen im positiven Sinne. Viele fanden das gut, dass ich es offen ansprach und mir wurde Mut zugesprochen.

Fabian: War das auch so, als du dich bei deiner Familie geoutet hast?
Julia: Meine Familie hat es auch sehr positiv aufgenommen, da ich es auch ziemlich früh gesagt habe. Meine Mutter hat sich das, wie Mütter eben so sind, bereits gedacht, dass ich nicht nur auf Männer stehe. Mein Vater hat nur gelacht und gesagt: „Wenigstens habe ich so die Chance, auch mal eine Schwiegertochter zu haben trotz fehlenden Sohnes“ und sich gefreut, dass ich den Mut hatte und es beiden gesagt habe.

Fabian: Und wie offen bist du mit deiner Sexualität in deiner Schule umgegangen?
Julia: Ich bin nicht mit einem Schild um den Hals herumgelaufen, auf dem es stand. Freundinnen und Freunde wussten davon. Ich machte daraus aber auch kein Geheimnis.

Fabian: Gab es an deiner Schule denn noch andere bisexuelle SchülerInnen, mit denen du dich austauschen konntest?
Julia: Ja, es gab eine Mitschülerin die bisexuell ist und eine lesbische Mitschülerin. Mit beiden konnte ich mich super austauschen.

Fabian: Hast du auch schon einmal Negatives in Bezug auf deine Sexualität erlebt?
Julia: Ich habe nur einmal etwas Negatives erlebt, als eine ehemalige Freundin sagte, sie könne nicht mit mir befreundet sein, weil sie immer Angst haben müsse, dass ich sie anbaggern möchte. Sonst kam da wohl mal der eine oder andere Spruch von „Freunden“ wie zum Beispiel: „Wie kannst du dann eine Beziehung mit einem Mann führen, wenn du dauernd an Frauen denkst?“. Alles in allem waren außer solchen Kleinigkeiten die Reaktionen immer gut.

Fabian: Wie reagierst du auf solche Sprüche?
Julia: Ich ignoriere diese Sprüche weil sie einfach nur Unnötig sind. Die Menschen sollten sich lieber mit sich selbst befassen als über andere Menschen zu Urteilen.

Fabian: Bei uns in der Schule wurden queere Themen im Unterricht fast gar nicht angesprochen. War das bei euch auch so?
Julia: Ja. Bei uns wurde das im Unterricht selten bis gar nicht angesprochen.

Fabian: Hättest du dir gewünscht, dass solche Dinge in der Schule mehr Beachtung finden?
Julia: Auf jeden Fall. Die Aufklärung bei uns war damals sowieso nicht die beste. Man könnte dort auch ruhig mehr über unterschiedliche Sexualitäten sprechen.

Fabian: Wenn in unserer Gesellschaft dann doch einmal über LGBTQI*-Themen gesprochen wird, dann fast immer nur über Homosexualität. Über Bisexualität wird kaum geredet. Viele sprechen da von der Bi Invisibility. Fühlst du dich auch manchmal unsichtbar?
Julia: Ich bin tatsächlich froh, dass solche Themen wie Homosexualität mittlerweile ganz normal sind und man offen drüber sprechen kann. Unsichtbar fühle ich mich dadurch aber jetzt nicht.

Fabian: Viele meinen, Bisexuelle würden genau zu gleichen Teilen auf Männer und Frauen stehen. Wie ist das bei dir?
Julia: Eine genaue Zahl zu nennen ist da echt schwer. Ich könnte zum Beispiel nicht mit einer Frau in einer Beziehung sein. Ich weiß, wie kompliziert ich selbst sein kann, da ist das für mich nicht wirklich vorstellbar. Man kann aber auch niemals nie sagen. Bisher hatte ich nur Beziehungen mit Männern. Es ist aber schon so, dass ich mehr Frauen als Männer hatte.

Fabian: Du meinst im Bett?
Julia: Genau. Ich hatte bisher mehr weibliche Sexualpartner als männliche.

Fabian: Heißt das, dass du beim Sex Frauen bevorzugst?
Julia: Nein. Für mich ist beides auf seine Art und Weise was Besonderes. Ich bevorzuge da tatsächlich kein Geschlecht.

Fabian: Wo liegen für dich die Unterschiede und wo die Gemeinsamkiten beim lesbischen und beim heterosexuellen Sex?
Julia: Ich finde das ist schwer zu erklären. Ich finde beides hat auf seine Art und Weise was Besonderes. Beim heterosexuellen Sex ist eindeutig der Penis der Vorteil, beim lesbischen Sex weiß die Frau natürlich, was die Frau braucht (lacht). Grundsätzlich mag ich aber beides sehr.

Fabian: Mal Hand aufs Herz, wer kann deiner Erfahrung nach besser lecken - Mann oder Frau?
Julia: Ich habe da tatsächlich mit beiden Geschlechtern gute Erfahrungen gemacht. Für mich gibt es da kein besser oder schlechter. Es ist beides auf seine Weise gut.

Fabian: Was könnten Männer vom Sex unter Frauen lernen und umgekehrt?
Julia: Ehrlich gesagt finde ich, da gibt es nichts Explizites, was man lernen kann.
Man lernt sowieso niemals aus und dann sollte man einfach Erfahrungen sammeln, finde ich.

Fabian: Apropos Erfahrungen, kannst du dich, abgesehen von deinem ersten Mal, an eine Erfahrung erinnern, welche dir als besonders schön in Erinnerung geblieben ist?
Julia: Nein. Die schönste Erfahrung war tatsächlich mein erstes Mal, weil ich das sehr schön fand (lächelt).

Fabian: Und wie hast du dein erstes Mal mit einem Jungen in Erinnerung?
Julia: Das war tatsächlich auch ein schönes Erlebnis. Es war auf jeden Fall auch so, dass es eine Erfahrung war, auf die ich stolz bin.

Fabian: Hast du eigentlich jemandem von deinen beiden ersten Malen erzählt, der besten Freundin oder deiner Mutter zum Beispiel?
Julia: Die beste Freundin war immer informiert, da ich ihr alles erzählt habe. Viel mehr Menschen wussten es nicht.

Fabian: Wenn du in einer Beziehung bist, fehlt dir dann der Sex mit Frauen?
Julia: Nein, da ich mich in einer Beziehung auf meinen Partner fokussiere.

Fabian: Eine offene Beziehung wäre also nichts für dich?
Julia: Nein. Das kann ich mir absolut gar nicht vorstellen.

Fabian: Und Dreier?
Julia: Es gab schon mal einen, aber nur in der konstellation Frau-Frau-Mann. Mann-Mann-Frau könnte ich mir absolut nicht vorstellen. Ein Dreier ist aber auch nichts, was ich unbedingt haben muss.

Fabian: Warum schließt du einen Dreier mit zwei Männern für dich so kategorisch aus?
Julia: Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, mit zwei Männern gleichzeitig.

Fabian: Wie kam es denn zu deinem Dreier?
Julia: Das war eher ein Zufall. Ich war mit meinem damaligen Partner in der Beziehung, wir hatten das Thema und er meinte, er wäre da offen. Daraufhin habe ich eine Freundin gefragt und der Rest hat sich dann eben so ergeben.

Fabian: Wie hat der Dreier deine Beziehung verändert? Kam dabei Eifersucht auf?
Julia: Es hat sich in der Beziehung gar nichts verändert. Und es kam absolut keine Eifersucht auf.

Fabian: Welche Tipps würdest du Paaren geben, die mit dem Gedanken eines Dreiers spielen?
Julia: Auf jeden Fall sollte man sich absolut sicher sein. Wenn das passt dann klappt der ganze Rest fast wie von alleine (lächelt).

Fabian: (Augenzwinkernd) Und an Verhütung denken, natürlich! Wenn du einmal in die Zukunft schaust, wie stellst du dir dann dein Beziehungsleben vor?
Julia: Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, eine glückliche Beziehung zu führen. Der Rest ergibt sich dann von alleine.

Fabian: Was würdest du Jugendlichen raten, die gerade ihre Sexualität kennenlernen und sich fragen, ob sie bi sind?
Julia: Keine Angst davor haben. Ich habe schon von einigen gehört, die Angst davor haben, herauszufinden wie ihre Sexualität ist. Die Angst darf man nicht haben und sollte man auch nicht haben. Egal, wie es ausgehen wird, wichtig ist, dass man sich absolut wohl fühlt. Außerdem finde ich, sollte man einfach seine Erfahrungen machen. Nicht einfach „Nein“ sagen von Anfang an, sondern einfach ausprobieren.

Fabian: "Ein bisschen bi schadet nie" heißt es oft. Eine Studie der Uni Essex will herausgefunden haben, dass Frauen entweder lesbisch oder bi sind, aber fast nie ausschließlich hetero. Glaubst du, dass in allen Menschen zumindest ein Fünkchen Bisexualität steckt?
Julia: Nein. Natürlich wird es bei vielen so sein und auch die meisten, die sagen sie sind hetero, denken mal an das andere Geschlecht, aber es gibt auch genug Menschen, die wirklich gar keinen Gedanken daran verlieren. Und das ist auch in Ordnung.

Fabian: Angenommen, man könnte sich selbst aussuchen, ob man bi, hetero oder homo sein will - wie würdest du dich entscheiden? Fürs Bisein?
Julia: Ich würde mich wieder dafür entscheiden bi zu sein. Ich fühle mich so verdammt wohl und bin Glücklich (freut sich).

Fabian: Das klingt ja richtig super. Vor allem klingt es nach einem tollen Familien- und Freundeskreis! Wie queer ist denn der?
Julia: In meiner Familie bin ich die einzige und im Freundeskreis gibt es einen Freund, der schwul ist und eine Freundin, die ebenfalls bi ist. Aber alle sind sehr tolerant.

Fabian: Was genau ist am Bisein für dich das Tolle, dass du dich dafür entscheiden würdest?
Julia: Was genau am Bisein das Tolle ist: ich fühle mich einfach wohl und bin glücklich damit, dass ich Erfahrungen mit beiden Geschlechtern sammeln kann und konnte.

Fabian: Willst du zum Abschluss noch selbst etwas erzählen, was dir zum Thema Bisexualität wichtig ist?
Julia: Sexualität zu akzeptieren ist wichtig. Es ist vollkommen egal, welche Secualität ein Mensch hat, niemand hat seine unnötige Meinung dazu abzugeben.

Fabian: Vielen Dank für das Gespräch, liebe Julia!
Julia: Ich habe zu danken.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Julia (27): "Es kamen sehr unterschiedliche Reaktionen im positiven Sinne."

Hallo liebe Lesende,   heue ist es wieder einmal so weit. Nach viel zu langer Zeit erscheint wieder einmal ein neuer Beitrag von mir. Das he...