Dienstag, 2. Oktober 2018

Sind wir unsichtbar?

Hallo liebe LeserInnen!

Welche Beachtung erfahren die Interessen der bisexuellen Community heutzutage eigentlich? Braucht es wirklich im Jahr 2018 noch einen besonderen Tag, um auf uns Bisexuelle aufmerksam zu machen? Muss man heute noch um Akzeptanz und Verständnis in der Gesellschaft werben? Oder ist Bisexualität heute zur Normalität geworden, quasi genauso selbstverständlich wie die heterosexuelle Lebensweise? 
Die Diskussion um die "Ehe für alle" im letzten Jahr hat gezeigt, dass für einen Großteil der Bevölkerung gleichgeschlechtliche Paare ebenso normal sind wie heterosexuelle - aber eben längst noch nicht für alle. Zwar dürfen seit 2017 in Deutschland nun endlich auch Männer Männer und Frauen Frauen heiraten, vollkommen gleichgestellt ist die gleichgeschlechtliche Ehe aber immer noch nicht. Während bei einem heterosexuellen Paar der Mann beispielsweise automatisch gesetzlich als Vater eines Kindes gilt, selbst wenn er nicht der biologische Erzeuger ist, ist das für lesbische Paare noch nicht möglich. Hier muss die Lebenspartnerin das Kind ihrer Ehefrau zunächst umständlich und in einem langwierigen Prozess adoptieren, um auch vor dem Gesetz als Elternteil anerkannt zu werden. Anscheinend ist die Gesellschaft in den Köpfen schon viel weiter als die Politik. Oder?
Um ehrlich zu sein, das Gefühl habe ich nicht. Zwar mag sich die Situation grundsätzlich gebessert haben, trotzdem müssen viele Lesben, Schule, Transgender und natürlich auch Bisexuelle immer noch gegen Windmühlen kämpfen. Immer noch ist für viele Diskriminierung an der Tagesordnung und daher halte ich nach wie vor Tage, die LGBTQ-Themen ins Licht der Öffentlichkeit rücken für unverzichtbar. 
Doch das ist nur meine ganz persönliche und sehr subjektive Meinung. Wie sieht es aber mit der Gesellschaft aus? Wie aufgeschlossen sind "wir" wirklich, wenn es um Bisexualität geht? Werden Bisexuelle in der Bevölkerung wahrgenommen? Oder nimmt man uns gar nicht wahr, sind wir vielleicht unsichtbar? Das wollte ich herausfinden und habe ein kleines Experiment gewagt.


Das Experiment


"Am 23.09. ist Tag der Bisexualität (engl. Bi Visibility Day). Es ist wichtig, Bisexualität mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, weil noch immer viele Vorurteile über die bisexuelle Lebensweise existieren und Bisexuelle mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Im Vergleich zur Homosexualität wird Bisexualität viel weniger in der Gesellschaft beachtet."

Dieses Statement habe ich am 23.09.2018 auf www.yougov.de gepostet, um zu sehen, wie andere Benutzer darüber denken. Bis zum 02.10.2018 haben insgesamt 381 Personen ihre Meinung dazu agegeben. Die UserInnen konnten dabei wählen zwischen vier verschiedenen Abstufungen: "stimme voll und ganz zu", "stimme eher zu", "stimme eher nicht zu" und "stimme gar nicht zu". Außerdem hatten sie die Möglichkeit, differenzierter mitzuteilen, was sie über dieses Statement denken und konnten einen eigenen Kommentar dazu verfassen.

Eines vorweg: natürlich sind sämtliche Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen und keinesfalls repräsentativ. Weder weiß ich, welche eigene sexuelle Orientierung die Abstimmenden hatten, noch kenne ich deren Alter, Geschlecht oder persönliche Lebensumstände. Nachfolgend werde ich auch keine Benutzernamen nennen.
Trotzdem war das Ergebnis dieses winzigen Querschnitts für mich sehr aufschlussreich. Obwohl die Resultate also nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, geben sie trotzdem einen klaren Einblick darüber, welche Sichtweise unsere Gesellschaft auf die Bisexualität hat.

Was kam dabei heraus?


Von den 381 BenutzerInnen, die in irgendeiner Weise das Statement bewerteten, haben insgesamt 374 abgestimmt. Davon stimmten 98 voll und ganz zu, 119 Menschen stimmten eher zu, 76 lehnten das Statement eher ab und 81 stimmten der Meinung überhaupt nicht zu. Die Ergebnisse sind in der nachfolgenden Grafik noch einmal zusammengefasst.
Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage zur Frage, ob Bisexualität stärkere Beachtung finden sollte.
Demnach stimmten 58,02 % der BenutzerInnen dem Statement eher zu oder voll und ganz zu. Eher ab oder völlig ab lehnten das Statement 41,98 % der Abstimmenden. Die positive Nachricht lautet also, dass die überwiegende Mehrheit grundsätzlich der Meinung ist, dass Bisexualität in der Gesellschaft zu wenig beachtung findet und mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden sollte. 
Die schlechte Nachricht, der Anteil derer, die dem Statement nicht zustimmen, ist immer noch beachtlich hoch. Im Grunde genommen hatte ich damit gerechnet, dass diese Umfrage auch einige Stimmen bekommen sollte, die nicht zustimmten. Dass der Anteil derer aber bei über 40 % liegen würde, damit hätte ich nicht gerechnet. 
Man kann also als kleines Zwischenfazit ziehen, dass das Thema Bisexualität die Gesellschaft nahezu in zwei Hälften spaltet. Während der eine Teil der Öffentlichkeit sich wünscht, dass LGBTQ-Themen mehr Raum eingeräumt werden sollte, lehnt der andere Teil dies eher oder sogar völlig ab.
Stellt sich nun die Frage, warum lehnen diese Menschen es ab, dem Thema Bisexualität mehr Gehör zu schenken? Was sind die Motive dahinter? Ist es, weil sie LGBTQ-Themen grundsätzlich kritisch gegenüber stehen? Ist es also ein Ausdruck einer stark in der Gesellschaft verwurzelten Biphobie? Oder haben diese Menschen grundsätzlich nichts gegen Bisexualität und finden lediglich, dass das Thema bereits genug Aufmerksamkeit zum Beispiel in den Medien erfährt? 
Nun, über die genauen Motive erfährt man leider nicht sehr viel. Glücklicherweise haben neun TeilnehmerInnen einen Kommentar hinterlassen. Einige Auszüge davon möchte ich nachfolgend zitieren.

Die Kommentare


Ein Benutzer, der dem Statement eher zugestimmt hatte, kommentierte: "Ich akzeptiere die Freiheit eines jeden sich sexuell zu orientieren. Ich akzeptiere aber nicht, dass sich Minderheiten zu Mehrheiten aufspielen. Man bekommt zudem aktuell ja im Serien- und Filmsektor überall den Quoten-Homo vorgesetzt als müsste man ständig belehrt werden und wäre dumm wie'n Brot. Möge jeder Mensch glücklich werden, aber bitte ohne moralischen Holzhammer, danke!"

Ein weiterer schrieb: "Die sexuelle Orientierung ist Privatsache und hat niemanden zu interessieren. Solange diese im Rahmen geltenden Rechts legal ist natürlich."
Ein dritter schrieb: "Die Frage ist doch heutzutage eher, ob jeder Betroffene (blödes Wort, aber mir fiel kein anderes ein) will, dass seine pers. sex. Präferenz in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Mir pers. ist es sch***egal, welche sex. Präferenz (ausgenommen Pädophilie, Zoophilie u.ä. -philies) jemand hat. Mensch bleibt Mensch."

Demgegenüber sind auch einige Kommentare von Leuten, die dem Statement nicht zugestimmt haben.

Ein User schrieb: "Ob jemand homosexuell oder bi ist, ist mir egal. Ich behandelte jeden Menschen gleich! Jedoch, was mir nicht mehr egal ist, ist das ständige "schaut uns an", "es muss", "ihr müsst" ... Ich laufe auch nicht rum & schreie, dass ich hetero bin und erwarte nicht, dass es jeder gut findet ... Jeder soll so glücklich werden wie er es will, sollte sich selber fragen ober er/sie tolerant ist und vor allem sollte er/sie andere in Ruhe lassen. Keiner hat eine Extrabehandlung verdient."

Ein weiterer kommentierte: "Warum sollte die Gesellschaft beachten, welche sexuelle Ausrichtung jemand hat. Das ist reine Privatsache. Es sei denn, man rennt, wie heute chic und üblich, mir der Glocke durchs Dorf, um jedermann zu erzählen ob man Männlein, Weiblein oder beides toll findet. Macht das alles nach Geschmack, aber verschont die Öffentlichkeit mit Euren Bettgeschichten, es widert mich an, auch wenn ihr hetero sein solltet."

Besonders erhellend war dieser Kommentar: "Das ist eine Schweinerei! Solche Leute müssen psychiatrisch behandelt werden!"
In eine ähnliche Kerbe schlug folgender Kommentar: "Meine meinung: Frau und Mann , was anderes gibt's für mich nicht."

Keine Sonderbehandlung - aber Gleichbehandlung

Gerade die letzten beiden Aussagen muss man nun wirklich nicht kommentieren. Solche Aussagen einfach nur diskriminierend, zutiefst verletzend und zeugen davon, dass ihre Urheber sich nicht ernsthaft mit dieser Debatte auseinandergesetzt haben. Gegen solche Menschen anzukämpfen lohnt sich jedoch nicht, denn sie sind gegenüber jeglichen Argumenten leider völlig resistent.

Aber wenn man sich die anderen Kommentare durchliest, stellt man durchaus einige Gemeinsamkeiten fest, über die es sich lohnt nachzudenken. Wie steht es um die Befürchtung, dass sich Minderheiten zu einer Mehrheit aufspielen?
Nun, ich glaube nicht, dass dem tatsächlich so ist. Es geht immerhin nur um einen einzigen Tag, der Bisexualität einfach ein bisschen transparenter für Außenstehende machen will. Nur ein Tag, an dem mit Vorurteilen aufgeräumt werden soll. Nur ein Tag, an dem man sich wünscht, in einer für Bi-Themen tauben Gesellschaft ein winziges bisschen Gehör zu finden. Ein Tag, der 364 anderen Tagen im Jahr gegenüber steht, die durch und durch heteronormativ geprägt sind. Dieser eine Tag macht 0,27 % eines ganzen Jahres aus. Von einer Minderheit, die sich zur Mehrheit aufspielen will kann also gar nicht die Rede sein.

Auch ist es nicht zutreffend, dass wir ständig anderen unsere sexuelle Orientierung unter die Nase reiben wollen, um vermeintlich mehr Aufmerksamkeit zu bekommen oder weil es gerade "in" sei, sich als bisexuell zu bezeichnen. 
Solchen Leuten muss gesagt werden, dass es für viele Bisexuelle alles andere als einfach ist, zu sich selbst stehen zu können. Viele müssen damit rechnen, diskriminiert zu werden, wenn sie sich öffentlich zu ihrer nicht-heterosexuellen Orientierung bekennen. Der Druck, denen Betroffene bei ihrem tagtäglichen Versteckspiel ausgesetzt sind, ist für Heterosexuelle nicht nachvollziehbar. Die ständige Angst, sich selbst zu verraten und damit der Grausamkeit der Gesellschaft preiszugeben, kann enorm werden. Es geht an diesem Tag daher nicht darum, jedem beweisen zu wollen, dass man etwas Besonderes ist, sondern darum, dafür einzutreten, dass Betroffene kein Versteckspiel mehr üben müssen und ganz ungezwungen und frei lieben können, wen auch immer sie wollen.

Und was ist mit der Behauptung, man verlange mit dem Tag der Bisexuellen eine Extrabehandlung? Solchen Leuten sei gesagt, dass eine Extrabehandlung ganz genau das ist, was Bisexuelle ausdrücklich nicht wollen! Es geht uns nicht darum, uns als etwas Besonderes darzustellen oder besonders behandelt zu werden. Was wir wollen, ist viel schlichter, viel einfacher: wir wollen genauso behandelt werden, wie jeder andere Mensch auch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es geht an diesem Tag nicht darum, Bisexualität als etwas Besonderes zu feiern, sondern darum, dafür einzutreten, dass die bisexuelle Lebensweise eines Tages ebenso akzeptiert sein wird wie Heterosexualität. Dass die sexuelle Orientierung eines Menschen nicht mehr groß thematisiert werden muss, sondern schlicht und ergreifend als gegeben hingenommen wird. Wir wollen keine Sonderbehandlung, wir wollen schlicht Gleichbehandlung!

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