Hallo liebe LeserInnen,
am 17. Mai 2018 war der 175. Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie. Zu diesem Anlass habe ich ein kleines Gespräch mit Indri (Name geändert) geführt.
Indri ist 20 Jahre alt, kommt aus Franken
und ist Student. Mit ihm habe ich über erste gleichgeschlechtliche Erfahrungen,
sein Outing im Familienkreis, den Umgang mit Bisexualität in der Partnerschaft
und über die sexuelle Orientierung im Sport gesprochen.
Fabian: Hallo Indri,
schön, dass du dich bereit erklärt hast, mit uns ein wenig über dein Leben zu
reden. Was bedeutet Bisexualität für dich persönlich - wie würdest du das
definieren?
Indri: Bisexualität bedeutet für mich persönlich, dass ich
mich auch zu manchen Männern hingezogen fühle, obwohl ich eigentlich Beziehungen
zu Frauen suche.
Fabian: Heißt das, dass du dich in einen Mann auch verlieben könntest?
Indri: Ich glaube nicht. Auch eine Beziehung mit einem Mann
kann ich mir nicht vorstellen. Bei Männern steht bei mir nur das Sexuelle im
Vordergrund.
Fabian: Viele Jungs entdecken ihre sexuelle Orientierung ja bei gemeinsamen Doktorspielen mit ihren Freunden. Wann und wie hast du denn gemerkt, dass Männer für dich sexuell interessant sind?
Indri: Wie fast alle Jungs hatte ich auch mit Freunden diese
Spielchen, wie „Schwanzvergleiche“ und so gemacht. Das hat sich dann auch
wieder gelegt und ich habe mich dann für Mädchen interessiert. Erst so ab circa 16 gingen mir bestimmte Jungs nicht auf dem Kopf.
Fabian: Was heißt, sie gingen dir nicht aus dem Kopf?
Indri: Ich habe sie mir in der Fantasie nackt vorgestellt
und auch, dass wir uns gegenseitig an die Penisse gingen.
Fabian: Blieb es nur bei Fantasien?
Indri: In zwei Fällen wurde aus der Fantasie auch
Wirklichkeit.
Fabian: Wie ging es euch danach? Habt ihr da schon den Begriff „Bi“ für eure Sexualität verwendet?
Indri: Wir hatten uns dann ein paar Mal getroffen und die
Spielchen getrieben, aber Beziehungen sind in beiden Fällen nicht daraus
entstanden. Ich hatte dann nach den Affären meine erste feste Freundin
kennengelernt. Da traten die Jungs völlig in den Hintergrund. Das „Bi“ habe ich
erst später auf mich bezogen.
Fabian: Nachdem dir dann klar war, dass du bi bist, hast du dich dann bei deiner Familie geoutet?
Indri: Ich habe zuerst mit meinem Vater ein „Männergespräch“
darüber geführt. In intimen Dingen ist mein Vater die erste Adresse. Er ist
sehr offen und verständnisvoll, wohl auch deshalb, weil in seiner Jugend Sex
und die damit verbundenen Fragen und Probleme in der Familie kein Thema waren.
Er erzählte mal, dass seine Mutter ausgerastet ist, als sie bei ihm pornografische Bilder
gefunden hatte.
Fabian: Wie hat dein Vater auf dein Outing reagiert?
Indri: Verständnisvoll. Er meinte, dass ich in einer Phase
der Persönlichkeitsfindung sei, und meinen Weg frei suchen solle. Natürlich
würde er sich freuen, wenn ich eines Tages auch eine Familie habe und er sich
dann auch über Enkel freuen könne.
Fabian: Nun ja, heutzutage ist es ja auch kein großes Problem mehr, mit einem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner eine Familie zu gründen.
Wie ging es danach
weiter? Wem hast du noch davon erzählt und wie waren die Reaktionen darauf?
Indri: Das Thema ist dann so in der Familie duchgesickert,
dass es schließlich alle, also meine Eltern und meine Schwester, wussten. Wir
sind alle offen und tolerant, da war es auch nie ein Thema, das im Vordergrund
stand.
Fabian: Schön, dass alle in deiner Familie so tolerant und offen sind. Gab es denn auch einmal den umgekehrten Fall, dass ein Familienmitglied sich bei dir als bi- oder homosexuell geoutet hat?
Indri: Ein Cousin „dritten Grades“ hat sich bei mir als
homosexuell geoutet.
Fabian: Wusste er da schon, dass du bi bist?
Indri: Wir haben uns praktisch gleichzeitig gegeneinander
geoutet. Wir hatten uns über fünf Jahre lang nicht mehr gesehen und uns
kürzlich bei einer Familienfeier wieder getroffen, da hat es sich so ergeben.
Fabian: Kommen wir noch einmal auf die engere Familie zurück. Wie ist es so, mit der Schwester gemeinsam über Männer reden zu können, die ihr beide attraktiv findet?
Indri: Das kam bisher nur wenige Male vor. Meistens habe ich
das eher spaßig gesehen und wollte sie eifersüchtig machen. So das übliche
Necken unter Geschwistern. Sie hatte aber auch einmal einen Freund, dem ich
wirklich an die Wäsche wollte.
Fabian: Jetzt mal ehrlich, bist du ihm an die Wäsche gegangen?
Indri: Leider nein.
Fabian: Wieso leider?
Indri: Ich hatte ihn nackt unter der Dusch gesehen, seitdem
war ich scharf auf ihn und hätte ihn gerne einmal „verwöhnt“. Aber irgendwie
aus Fairness gegenüber meiner Schwester hab ich mich dann doch nicht weiter an
ihn rangemacht.
Fabian: Ich denke, dass du absolut richtig gehandelt hast. Deine Schwester hätte es bestimmt alles andere als witzig gefunden.
Wie lebst du heute
als Student deine Bisexualität aus?
Indri: Ich hatte bis letzte Woche fast zwei Jahre lang eine feste Freundin. Wir
hatten eine wunderbare Beziehung und wir hatten auch viel guten Sex
miteinander. Während dieser Zeit hatte ich sehr wenig sexuelle Kontakte zu
Männern, da war mir die Beziehung zu meiner Freundin wichtiger. Das ist ja auch
das große Dilemma als Bisexueller: zum „Ausleben“ darf man eigentlich keine
feste Beziehung haben, oder man probiert eine Dreiecksbeziehung oder „offene“
Beziehung oder wie auch immer. Ich fühle mich aber lieber in einer Zweisamkeit
wohl, da muss ich mich dann irgendwie entscheiden. In meinem Fall wäre es
ideal, wenn ich mit eine Frau zusammen leben würde, die es mir verzeihen würde,
wenn ich hin und wieder mal intimen Kontakt zu einem Mann habe.
Fabian: Wie war das bei deiner Ex-Freundin? War Bisexualität ein Thema in eurer Beziehung? Welche "Freiheiten" habt ihr euch gelassen?
Indri: Am Anfang war das kein Thema, ich hatte mich aus
Angst davor, dass unsere Beziehung auseinander geht etwa ein Jahr gewartet, bis
ich es ihr schonend eröffnet hatte. Wenn ich mal etwas mit einem Mann hatte, da
war es immer eine einmalige Angelegenheit. Sie hat mir stillschweigend diese
Freiheit gelassen. Genauso hätte ich mich auch verhalten, falls sie mal Sex mit
einer Frau hätte haben wollen. Ganz in Gegenteil, ich hätte ihr gerne dabei
zugesehen, wenn sie es mal mit einer anderen Frau probiert hätte.
Fabian: Heißt das, dass deine Ex-Freundin ebenfalls bisexuell war?
Indri: Nein, eigentlich nicht. (Pause) Es gibt ja Theorien, die besagen, dass jeder Mensch bi sei,
nur ist das unterschiedlich ausgeprägt.
Fabian: Ein Thema,
dem sich der Blog auch einmal widmen wird. Abschließend aber noch eine andere
Frage. Du bist großer Fan der "Clubberer" - herzlichen Glückwunsch an
dieser Stelle zum Ligaaufstieg. Bitte teile uns doch noch deine Meinung zu Bi-
und Homosexualität im Profisport mit. Warum fällt es Sportlern so schwer, zu
ihrer Sexualität zu stehen und was muss sich in den Köpfen der Fans ändern,
damit sich etwas tut?
Indri: Danke, ich hoffe nur, dass sie es länger in der Ersten
Liga aushalten und sie nicht gleich wieder absteigen.
Sexuelle Orientierung sollte keine Rolle spielen. Das ist
meiner Meinung nach Privatsache. Dass da Outen so schwer fällt, liegt wohl
daran, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft noch nicht entsprechend weit
fortgeschritten ist. Die Fans haben nach meiner Beobachtung noch die wenigsten
Probleme damit.
Fabian: Vielen Dank für das Gespräch!
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